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Prof. Dr. med. Gerald Mickisch
C.O.U.B. Centrum für Operative Urologie Bremen
Bremen
PROTOKOLL
Neue Perspektiven für Patienten mit Nierenkrebs
MODERATOR : Wir beginnen um 19 Uhr.
Jessica : Mein Mann ist 58 und bekommt nach der Entfernung der linken Niere wegen Nierenkrebs seit 3 Monaten Sunitinib. Er leidet zusätzlich auch unter Adipositas und bereits seit der Kindestagen an einer Herzkrankheit. Könnte die Behandlung mit Sunitinib einen Herzinfarkt verursachen? Ich hatte sowas in der Art gelesen?! ch bin recht unsicher im Moment, habe bereits einen Termin bei einem anderen Arzt vereinbart...
PROF. MICKISCH: Es fehlt mir noch eine Angabe: Wo bestehen denn Metastasen? Eindeutig ja, natürlich nicht bei jedem und bei allen Patienten. Es gilt die Regel, dass man Sunitinib, bei Patienten mit Herzschäden oder Herzfehlern nur sehr eingeschränkt einsetzen sollte, bzw. da es vernünftige Alternativen gibt, ein anderes Medikament verwenden sollte. In den großen Zulassungsstudien lag die Zahl der Patienten, die unter Sunitinib Herzbeschwerden bekamen bei ca. 10 %. Bei einem typischen hellzelligem Nierenkarzinom würde man vermutlich Avastin und Interferon als Erstlinientherapie einsetzen.
Nieren Hamburg : Ein zufällig entdeckter 6 cm großer Tumor in Mitten einer Niere war über Monate in Größe und Rand unverändert. Es konnten zu dem Zeitpunkt keine Metastasen festgestellt werden. Gibt es Anzeichen, dass ein einseitiger Nierentumor still steht oder aktiv ist und eine Entfernung dieser Niere in kurzer/kürzester Zeit geboten ist, um eine Streuung außerhalb der Niere zu verhindern?
PROF. MICKISCH: Die Chance, dass dieser Tumor bösartig ist, liegt bei ca. 90 %. Größenmessungen in Röntgenbildern sind etwas mit Vorsicht zu genießen. Ich würde daher in dieser Situation, wenn der Patient in einem guten Allgemeinzustand und grundsätzlich fit für eine Operation ist, diesen Tumor operativ entfernen lassen. Ein zu langes Warten kann anderenfalls zu einer Metastasierung führen. Grundsätzlich gilt, dass man bei einem Nierenzellkarzinom von einer Tumorverdopplungszeit von ca. 6 bis 12 Monaten ausgeht. Daher ist eine gewisse Eile geboten.
J.Handt : Wie lange dauert es, bis man feststellen kann, ob die Infusion anschlägt? Fühle ich mich dann auch anders, oder ist das nicht fühlbar, sondern nur labortechnisch oder diagnostisch zu erkennen?
PROF. MICKISCH: Wenn bei Therapiebeginn Symptome bestehen, wie Blut im Urin, allgemeine Schwäche oder Appetitlosigkeit, würde man bei Anschlagen der Therapie eine Verbesserung nach etwa vier bis sechs Wochen fühlen. Bestehen keine Symptome, kann man nur ein Ansprechen durch Röntgenuntersuchungen feststellen. Diese werden typischerweise nach acht bis zwölf Wochen zum ersten Mal durchgeführt.
Knubb : Wie entscheidend ist die fein abgestimmte Dosis? Reicht Körpergewicht als Bemessung aus? Es gibt Menschen, die auf Medikamente langsamer oder schneller reagieren. Wird das berücksichtigt, oder ist dass dann doch nicht so individuell?
PROF. MICKISCH: Moderne Medikamente haben eine gute therapeutische Breite. Typischerweise reicht speziell bei einem gut verträglichen Medikament wie Avastin das Körpergewicht als Bemessungsgrundlage aus. Als Alternative kann die Körperoberfläche, die errechnt werden kann, angegeben werden. Dies wird aber nur bei sehr giftigen Chemotherapeutika so angewandt.
anonym : Mein Mann hat seit zwei Wochen Durchfall, Luft im Bauch und Bauchschmerzen und kann nicht essen. Er liegt im Krankenhaus und wird mit Antibiotika behandelt. Er hat Nierenkrebs mit Metastasen in Leber und Lunge. Er wird seit 6 Monaten mit Sutent behandelt und soll jetzt umgestellt werden auf Avastin. Wird das denn helfen? Ich bin verzweifelt!
PROF. MICKISCH: Vom Prinzip her hat Ihr Mann sicher Nebenwirkungen der Krebstherapie. Da nach Ihren Angaben die Ersttherapie mit Sutent nicht ausreichend geholfen hat, macht es Sinn, auf eine andere Therapie umzustellen. Die neuen Medikamente sind nicht kreuzresistent, so dass eine gute Chance besteht, dass eine Zweitlinientherapie anschlägt und Ihrem Mann helfen kann. Das macht auch Sinn, hierzu eine gut verträgliche Therapie einzusetzen.
Osterkirche : Ist ein Zusammenhang zwischen rauchen und Nierenkrebs? Das sagt jedenfalls meine Mutter aber wieso eigentlich? Könnte der Experte sich dazu äußern. Vielen Dank.
PROF. MICKISCH: Einen direkter Zusammenhang, wie zwischen Rauchen und Blasenkrebs, gibt es bei Nierenkrebs nicht. Allerdings ist bei allen epidemiologischen Untersuchungen der letzten 50 Jahre Rauchen immer als Risikofaktor für das Nierenzellkarzinom identifiziert worden. Dieser Zusammenhang ist wissenschaftlich unbestritten, allerdings ist der direkte Zusammenhang noch nicht aufgeklärt.
Pavel : Meiner Frau wurde eine Kombination mit Avastin und VEGF-Hemmung empfohlen. Wobei das Wort Empfehlung nur semantisch Relevanz hat, denn wir können das ja gar nicht beurteilen. Was bedeutet das jetzt im Ergebnis bei Nierenkrebs, der noch nicht gestreut hat?
PROF. MICKISCH: Es muss zunächst angemerkt werden, dass Avastin eine Hemmung des Vascular Endothelial Growth Factor (VEGF) darstellt. Diese wird noch durch Interferon Alpha, welches auch VEGF hemmt, verstärkt. Dieser wissenschaftlich einheitliche Ansatzpunkt führt auch zu einer relativ guten Verträglichkeit, da andere biochemische Wege nicht behindert werden. Medizinisch ist es derzeit sinnvoll, Avastin und Interferon Alpha bei einem Nierenkrebs, der bereits gestreut hat und nicht vollständig chirurgisch entfernt werden kann, einzusetzen. Im Rahmen von Studien kann Avastin auch eingesetzt werden, um einen sehr großen und schwierig zu operierenden Tumor durch Vorbehandlung zu verkleinern, um eine Operation zu ermöglichen.
loeffel : ich bin 66,mein tumor misst 6 cm,die grösse ist seit über 6 monaten unverändert;dreimal per ct geprüft,kreatininwert und tsh merker sind in ordnung.geht es auch ohne operation und prüfung per ct alle 2 monate?
PROF. MICKISCH: Bitte schauen Sie sich die oben bereits beantwortete Frage von Nieren Hamburg an. Diese hatte den gleichen Inhalt.
heinrich : Sind Nierenkrebs und Nierenzellkarzinom das Gleiche?
PROF. MICKISCH: Unter praktischen Gesichtspunkten ja, das Nierenzellkarzinom stellt etwa 90 % der Nierenkrebse. Die restlichen 10 % sind Krebse des Nierenbeckens oder Metastasen anderer Organe.
anonym : Muss Bevacizumab immer mit Interferon kombiniert werden?
PROF. MICKISCH: Unter rechtlichen Gesichtspunkten ja, da die Zulassung der Europäischen Gesundheitsbehörde nur für die Kombination ausgesprochen wurde. In Studien wurde Bevacizumab auch alleine getestet und hat etwas schlechtere Ergebnisse als die Kombination geliefert.
Kaver : Bildet das Gefäßsystem bei einem gesunden Menschen regelmäßig neue Gefäße? Was passiert, wenn Gefäßneubildung per se durch ein Medikament unterbunden wird, um den Tumor auszuhungern? Sind dann ganze Körperareale unterversorgt?
PROF. MICKISCH: Gefäßneubildung ist ein normaler Prozess bei jedem Wachstumsvorgang. Dementsprechend würde eine komplette Unterbindung der Gefäßneubildung zu einem Stillstand jeglichen Wachstums, z. B. auch der Wundheilung, führen, aber nicht zur Unterversorgung von Körperarrealen.
Peter Weber : Wir haben ein ganz großes Problem. Meine Tochter ist 32 Jahre und in der 26. Schwangerschw. Aufgrund der niederschmetternden Diagnose Nierenkrebs soll sie eine Chemotherapie bekommen. Dazu wurde ein Zugang gelegt. Aber jetzt hat der Gynäkologe gesagt, lieber das Kind vorher holen. Wie immer die Entscheidung, sie klingt falsch in die eine, wie in die andere Richtung. Hatte Prof. Mikisch schon mal so einen ähnlichen Fall? Erfahrung?
PROF. MICKISCH: Ja, diese Erfahrung ist üblicherweise selten, aber kommt immer wieder vor. Eine systemische Behandlung bei bestehender Schwangerschaft verbietet sich. Andererseits muss Nierenkrebs behandelt werden. In Ihre Anfrage wurde leider nicht gesagt, ob eine Streuung des Krebses vorliegt. Anderenfalls könnte man allein durch eine Operation den Nierenkrebs behandeln. Dies wäre prinzipiell auch bei bestehender Schwangerschaft möglich und durchführbar. Wenn eine systemische Behandlung durch Krebsmedikamente notwendig wird, würde ich empfehlen, zunächst das Kind z. B. durch Kaiserschnitt, nach Rücksprache mit dem Gynäkologen zwischen der 30. und 32. Schwangerschaftswoche zu entbinden und etwa drei Wochen nach dem Eingriff mit der Systemtherapie zu beginnen.
Julica Hermes : Antiangionese Hemmer gibt es ja schon länger. Woran liegt es, dass immer neue Erfolge mit dem gleichen Medikament für immer neuen Krankheiten entdeckt werden? Wie findet man heraus, ob das dann wirklich wirkt für die eine weitere Krankheit?
PROF. MICKISCH: Antiangiogenese ist ein Wirkprinzip, das prinzipiell für alle schnell wachsenden Erkrankungen im Körper gelten kann. Typischerweise untersucht man Tumore mit besonders schneller Wachstumstendenz, wie z. B. das Nierenzellkarzinom. Bei Erfolg werden dann andere Indikationen überprüft. Dies geschieht immer durch klinisch gut kontrollierte Studien. Nur, wenn wirklich bewiesen ist, dass ein Medikament bei einer speziellen Tumorart auch wirkt, darf es hierfür verwendet werden.
m.friedke : Avastin hemmt die Gefäßneubildung bei Krebstumoren. Was geschieht denn, wenn das Medikament wieder abgesetzt wird???
PROF. MICKISCH: Typischerweise kommt es wieder zu einem erneuten Tumorwachstum mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung. Ausnahme wäre, wenn alle Krebszellen, z. B. durch weitere Maßnahmen wie Operation oder Bestrahlung, oder in seltenen Fällen durch die eigene Immunabwehr des Körpers vernichtet würden. Dann könnte theoretisch eine Heilung eintreten.
anonym : Was ist der Unterschied zwischen Monoklonalen Antikörper und Antikörpern?
PROF. MICKISCH: Im Prinzip keiner, weil ein monoklonaler Antikörper auch ein Antikörper ist. Der Unterschied liegt daran, dass der monoklonale aus einer Zellart besteht = 1 Klon, während ältere Antikörper häufig polyklonal sind, also verschiedene Zelltypen enthalten. Heute werden fast ausschließlich monoklonale Antikörper eingesetzt. Diese sind einfach zielgerichteter wegen der höheren Spezifität.
Aussichten : Wie sind überhaupt die Heilungschancen durch die neuen Medikamente?
PROF. MICKISCH: Das Nierenzellkarzinom ist im metastasierten Stadium nur in Ausnahmefällen heilbar, diese Ausnahmefälle wurden unter Immuntherapie, wie z. B. Interferon Alpha beobachtet. Die neuen Medikamente führen in der Regel zu einer deutlichen Lebenszeitverlängerung, müssen dafür aber ständig eingesetzt werden. Da die modernen Medikamente nicht kreuzresistent sind, hat sich die so genannte Sequenztherapie etabliert, dies bedeutet, dass mit einer Stubstanz, häufig einer nebenwirkungsarmen Substanz, begonnen wird und bei Fortschreiten der Krebserkrankung nach einem dreiviertel Jahr oder einem Jahr auf ein zweites und ggf. auf ein drittes oder viertes Medikament umgeschaltet wird.
Sohn : Bei meinem 80jährigen Vater wurde vor einer Woche Nierenkrebs mit mehreren Metastasen in Leber und Lunge diagnostiziert, nachdem eine Untersuchung des Blutes und eine Computertomographie gemacht wurde. Alles was die Aerzte sagten, war, dass in seinem Alter keine OP mehr gemacht würde wegen zu hohem Risiko. Ist das richtig? Wie sollte mein Vater ihrer Meinung nach behandelt werden? Viele Dank für Ihre Antwort!
PROF. MICKISCH: Meine Antwort muss vielschichtig sein. Wenn Ihr Vater in einem guten Allgemeinzustand ist und die Operation wünscht und sie der Chirurg bei der Abwesenheit von Metastasen auch durchgeführt hätte, gibt es keinen Grund, einem 80jährigen die Operation zu verweigern. Metastasen in Leber und Lunge waren früher schwierig mit Medikamenten zu behandeln, vor allem die Lebermetastasen. Heute gibt es ausreichend Informationen, die belegen, dass die modernen Medikamente auch diese Metastasen unter Kontrolle bringen können. Unter der Voraussetzung des guten Allgemeinzustandes und der Operabilität würde ich die Operation empfehlen mit nachfolgender Systemtherapie. Diese wäre nach Vorliegen eines klassischen oder hellzelligen Nierenkarzinoms heute typischerweise mit Avastin und Interferon Alpha durchzuführen. Sollte die Gewebeuntersuchung andere Subtypen des Nierenzellkarzinoms erbringen, könnten andere Substanzen wie z. B. Temsirolimus oder Sunitinib in Betracht kommen. Fairerweise muss auch angemerkt werden, dass ein zu schlechter Allgemeinzustand oder eine zu ausgedehnte Primärtumorerkrankung eine Operation als zu gefährlich erscheinen lässt, sollte man den behandelnden Urologen auch hierzu nicht zwingen. Dies bleibt eine indidivuelle Entscheidung zwischen Arzt und Patient. Eine rein medikamentöse Behandlung muss aber als palliativ und kurzfristig wirksam betrachtet werden.
walter : Ich bin 37 jahre alt und hatte vor 3 Jahren einen 5 cm großen, abgekapselten nierentumor. aufgeteilt in 21 kammern, davon waren 11 bösartig und 10 gutartig. nach einer nierenteilresektion ging es mir wieder gut. Vor einigen Monaten wurde dann aber Metastasen in der Leber gefunden. und hier zu ihrer frage: Nach 4 Monaten unter Avastin sind die Metastasen geschrumpft aber ich fühle mich andauernd müde und schlapp. mein urin riecht anders als sonst und mein schweiß ebenso. Sind das Nebenwirkungen der Therapie? Was kann ich tun?
PROF. MICKISCH: Die Behandlung eines zystischen Nierentumors, der meistens hellzellig ist, durch Operation und später durch Avastin bei Auftreten von Metastasen ist richtig. Ich nehme an, dass Sie nicht nur mit Avastin, sondern auch mit Interferon Alpha behandelt werden. Die von Ihnen geschilderten Nebenwirkungen sind typisch für Interferon Alpha. Mein Vorschlag ist, dass Sie, solange die Metastasen darauf gut reagieren, weiter mit Avastin behandelt werden und dass die Interferon Alpha Dosis z. B. auf drei mal drei Millionen Einheiten die Woche reduziert wird. Sie werden überrascht sein, wie gut diese Dosis vertragen wird.
MODERATOR: Der Experte macht eine kurze Pause, wir setzen die Beantwortung Ihrer Fragen in wenigen Minuten fort.
I.Dammers : Ganz, ganz vorsichtig momentan sieht es so aus, alles wenn der Tumor sich zurückbildet durch Aushungern. Verliere ich trotzdem meine Niere, oder kann die evtl. bleiben?
PROF. MICKISCH: Ihre Überlebenschancen werden weitgehend durch die Metastasen bestimmt. Das bedeutet, dass Sie beobachten müssen, ob die Metastasen in anderen Organen sich auch zurückbilden. Ist dies der Fall, würde ich mich einer Nierenoperation unterziehen. Anderenfalls müsste eher ein Umsetzen auf eine andere medikamentöse Therapie in Betracht gezogen werden.
NandoKrog : Bedeuten Divertikel im Darm für eine Chemo mit Infusion erhöhtes Risiko? Was sagt Prof. Mickisch dazu? Das soll jetzt in einer Tumorkonferenz besprochen werden? Ist das der normale Weg? Wir verlieren damit fast eine Woche.
PROF. MICKISCH: Moderne Medikamente beim Nierenkrebs führen nicht zu einer Darmschädigung. Daher ist das Divertikel an sich kein erhöhtes Risiko. Eine Ausnahme wäre, wenn eine akute Entzündung des Divertikels vorliegt. Diese würde ich erst ausheilen und dann mit einer medikamentösen Tumortherapie beginnen.
Elina_Fahr : Ich erhalte Avastin-Infusionen. Die Übelkeit lähmt mich, der Durchfall schwächt mich und ich bin so erschöpft, dass ich halb tot herumliege. Wie lange dauert das oder ist das jedes mal so nach der Infusion?
PROF. MICKISCH: Übelkeit und Durchfall sind typische Nebenwirkungen von Tyrosinkinase-Inhibitoren, also einer anderen Substanzklasse in der Behandlung des Nierenkrebses. Avastin führt nicht zu Übelkeit und Durchfall, aber höhere Dosen von Interferon Alpha können gelegentlich diese Wirkung entfalten. Daher mein Rat: Fortführen von Avastin und Reduzieren von Interferon Alpha auf z. B. dreimal drei Millionen Einheiten pro Woche.
Max Kuhlmann : Bitte die Meinung von Prof. Mickisch. Kann man die Infusionen mit Avastin ambulant bekommen? Meine Frau würde mich fahren und zu Hause aufs Beste versorgen, oder muss ich stationär aufgenommen werden. Wie lange? Meinem Onkologen ist die stationäre Form lieber. Geht es nicht ohne?
PROF. MICKISCH: Prinzipiell ist ambulante Behandlung möglich und wird in der weitgehenden Mehrzahl der Fälle auch so angewandt. Wenn Ihr Allgemeinzustand eine ambulante Behandlung zulässt, ist diese sicher durchführbar.
Kappmer : Was bedeutet eine verringert Dosis für mich? Der Sinn war die Nebenwirkungen zu reduzieren. Das ist auch gelungen. Jetzt fühle ich mich körperlich besser und seelisch schlechter. Habe Angst, ob die Wirksamkeit dadurch nicht langfristig eingeschränkt ist (Avastin).
PROF. MICKISCH: Avastin bleibt in der Dosis (10 mg pro Kilogramm Körpergewicht alle 14 Tage) unverändert. Nur Interferon Alpha wird in der Dosis reduziert. Die bisherige Datenlage zeigt, dass keine Verschlechterung der Wirksamkeit hiermit beobachtet wurde.
Rabab : Wohin wandern Metastasen von den Nieren aus als erstes? Ist das immer so, gibt es Ausnahmen?
PROF. MICKISCH: Als erste Station werden Lymphknoten entlang der großen Blutgefäße beobachtet. Es gibt Ausnahmen, hierbei findet die Metastasierung über die Blutbahn statt. Am häufigsten werden Lungenmetastasen beobachtet.
Dijana : Standardtherapie mit Inteferon, Avastin-Infusions-Behandlung, weil Interferon so viele Nebenwirkungen hat, aber Avastin hat auch so viele. Warum soll ich wechseln?
PROF. MICKISCH: Avastin gilt als besonders nebenwirkungsarm. Nebenwirkungen, die beschrieben wurden, wie Blutbildveränderungen, werden vom Patienten nicht bemerkt, sondern bei Routineblutkontrollen festgestellt. Ihre Lebensqualität leidet sicher nicht unter der Avastintherapie.
Gbuchain : Die vielen Studien, die gemacht werden bevor ein Medikament die Patienten erreicht finde ich beruhigend. Aber man bekommt nie mit, wenn Patienten für Studien gesucht werden. Für meine Frau (Raum Koblenz) wäre das eine ganz große Sache dabei zu sein. Werden gegenwärtig weitere Teilnehmer/innen für Avastin gesucht?
PROF. MICKISCH: Avastin wird weiter in Studien zur Therapieoptimierung untersucht. Ansprechpartner wären typischerweise die nächstgelegenen Tumorzentren, diese sind häufig an Universitätskliniken angebunden.
Wien : Was sind Tyrosinkinase-Inhibitoren?
PROF. MICKISCH: Tyrosinkinase-Inhibitoren sind eine Gruppe von Medikamenten, die Einfluss auf die Informationsübertragung innerhalb einer Zelle nehmen. Sie können damit auch die Gefäßneubildung unterbinden, haben aber typischerweise ein relativ breites Wirkspektrum, leider aber auch ein relativ breites Nebenwirkungsspektrum.
Alexia_Nuppnau : Bei Herzkreislauf Erkrankungen gibt es ganz unterschiedliche Werte und Hintergründe zwischen Männern und Frauen. Eigentlich ganz logisch, weil allein der Hormonstatus ja zu persönlichen Unterschieden führen muss. Gibt es darüber Erkenntnisse bei Nierenkrebs? Kann/muss meine Frau (Alter 53) eine individuelle Behandlung erhalten?
PROF. MICKISCH: Eine alte Theorie führt das häufigere Auftreten von Nierenkrebs bei Männern gegenüber Frauen auf spezifische Hormonrezeptoren an der Niere zurück. Leider hat diese alte Theorie einer korrekten wissenschaftlichen Überprüfung nicht Stand gehalten und in den letzten Jahren hat sich die Zahl der Frauen mit Nierenkrebs deutlich der Zahl der Männer mit Nierenkrebs angeglichen. Als Ursache gilt die zunehmende berufliche Exposition der Frauen gegenüber Schadstoffen, wie z. B. Kadmium, oder das häufigere Rauchen von Frauen. Hormontherapie hat keinen Platz mehr in der Behandlung des Nierenkrebses.
anonym : Ich hatte einen Nierentumor, der entfernt wurde, es blieben aber Metastasen in der Leber. Nachdem die Behandlung mit Nexavar nicht wirksam war, wurde ich im Juli auf Avastin (jede zweite Woche eine Infusion im Spital) und Interferon alfa 2 (3x wochentlich eine Spritze zu Hause). Ich war sehr zufrieden, da ich keine Nebenwirkungen hatte und die Therapie war wirksam, da die Metastasen zurückgingen. Ab dem Ende oktber sind dann aber die üblichen Nebenwirkungen eingetretten. Mein Blutdruck ist deutlich gestiegen und ich bin zunemend müde und tlw. erschöpft. Soll ich die Therapie absetzen oder wechseln? Eigentlich wirkt die Therapie laut meinem Arzt sehr gut...
PROF. MICKISCH: Ich gratuliere zu dem bislang sehr guten Verlauf! Die Nebenwirkungen sind lästig und sollten behandelt werden. Dennoch sollte eine erfolgreiche Therapie fortgesetzt werden. Zunächst würde ich das Inferon Alpha, wenn noch nicht geschehen, auf dreimal drei Millionen Einheiten reduzieren. Ich würde das Blutbild überprüfen, und sollte eine gewisse Blutarmut bei Ihnen eingetreten sein, diese durch Transfusion korrigieren. Ferner sollten Sie entzündungshemmende Medikamente nehmen, z. B. Paracetamol, Ibubrufen, Diclofenac. Die Dosis sollte von Ihrem Arzt festgelegt werden, aber auf jedenfall ausreichend sein, die Nebenwirkungen einzuschränken. Ferner sollte auf eine ausreichende vitaminreiche Ernährung geachtet werden, ggf. sollten die Vitamine C und B ergänzt werden.
phänomen : Mittlerweile gibt es doch eine Reihe von Therapien für die Behandlug des fortgeschrittenen Nierenkarzinoms. Mein Arzt hat allerdings behauptet, es wäre relativ egal, welches dieser Medikament zum Einsatz kommt, da alle ähnlich gut wirken? Stimmt das denn?
PROF. MICKISCH: Es stimmt, dass alle zugelassenen Medikamente ihre Wirksamkeit auch nachgewiesen haben. Allerdings gibt es kleinere Unterschiede in der Wirksamkeit und größere Unterschiede in den Nebenwirkungen. Da die Substanzen untereinander nicht kreuzresistent sind, wird heute meist eine Sequenztherapie eingesetzt. Dies bedeutet, dass man häufig mit einem nebenwirkungsarmen Medikament beginnt und dann bei Tumorwachstum nach einem dreiviertel Jahr oder einem Jahr auf eine zweite oder ggf. dritte und vierte Medizin umsteigt.
Peter Paul : Nach einer Teilresektion der rechten Niere wegen eines Nierenzellkarzinoms habe ich jetzt eine vermeintliche Bauchmuskellähmung.Wie ist die zu beheben?
PROF. MICKISCH: Eine Bauchmuskellähmung ist eine unangenehme, aber nicht immer zu vermeidende Nebenwirkung einer Nierenoperation durch Flankenschnitt. Sie kommt durch Lähmung eines Interkostal-Nerves zustande. Bis ca. sechs Monate nach der Operation besteht eine Chance, dass sich die Bauchmuskellähmung teilweise oder vollständig zurückbildet. Danach ist nach meiner Erfahrung der Zustand permanent. Eine zuverlässige Behandlung besteht leider nicht.
jule : Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Mittel Avastin? Meine Mutter soll jetzt mit Avastin behandelt werden. Mit welchen Nebenwirkungen muss sie rechnen? Worauf soll sie besonders achten?
PROF. MICKISCH: Meine Erfahrung mit Avastin ist im Allgemeinen gut. Das Medikament wird gut vertragen. Als Nebenwirkung, die aber nicht typisch ist, da sie auch bei allen anderen Nierenkrebsmedikamenten auftritt, gilt eine Blutdrucksteigerung. Sie tritt bei ca. 3 bis 4 % aller Patienten auf und kann sehr einfach mit den gängigen blutdrucksenkenden Medikamenten behandelt werden. Ferner kommt es unter Avastin vorübergehend zu Wundheilungsstörungen, da dieses besonders stark die Gefäßneubildung hemmt. Man sollte daher einen ausreichenden Sicherheitsabstand vor oder nach Operationen einhalten. Nebenwirkungen treten etwas häufiger mit der Kombination mit Interferon Alpha auf. Sie werden im Allgemeinen als grippeähnliche Symptome zusammengefasst. Die Behandlung besteht in der typischen Behandlung eines grippalen Infektes mit entsprechenden Wirkungen. Ferner kann eine Dosisreduktion von Interferon Alpha zu einer schnellen Besserung von Symptomen führen, ohne die Wirksamkeit der Behandlung zu beeinflussen.
Militzer : Wissenschaftler haben oft einen ganz anderen Blickwinkel, als Patienten. Wird der Unterschied zwischen Überleben und Lebensqualität vorher für die Studie festgelegt? Und wer legt die Eckdaten für den Unterschied fest?
PROF. MICKISCH: Beide Betrachtungsweisen, Überleben und Lebensqualität, sind außerordentlich wichtig. In jeder Studie wird daher Überleben gemessen und Lebensqualität - meistens durch Fragebögen - versucht zu ermitteln. Eine Studie muss durch eine ordentliche Ethik-Kommission genehmigt werden. Sowohl Überleben als auch Lebensqualität werden der Öffentlichkeit mitgeteilt, die ihre Interpretation dieser Daten dann vornehmen wird. Optimal ist natürlich ein möglichst langes Überleben bei besonders guter Lebensqualität. Ist das Ziel nicht oder nicht vollständig zu erreichen, muss man über Kompromisse nachdenken. Ein möglicher Kompromiss wäre, dass man bei einem besonders guten Überleben etwas Abstriche bereit ist an der Lebensqualität zu machen. Umgekehrt gilt, wenn die Überlebensdaten nicht sehr stark verlängert werden, wird man auf besonders gute Lebensqualität achten müssen.
Sibylle Knörr : Was bedeutet der Begriff Pantumor-Behandlung?
PROF. MICKISCH: Ich gehe davon aus, dass Sie dies als übergreifende Tumorbehandlung definieren möchten. Das würde bedeuten, dass man in die direkte antitumoröse Behandlung durch Operation oder Medikamente auch unterstützende Krebstherapien integriert. Es ist eine alte medizinische Regel, dass in der Krebsbehandlung auch Seele und Laib des Patienten unterstützt werden müssen. Das bedeutet konkret, dass man auf allgemeines Wohlbefinden im weitesten Sinne während der Krebsbehandlung achten muss.
Susan : Gibt es unterschiedliche Arten von Nierenkrebs? Weniger oder mehr aggressiv? Sind die unterschiedlich gut oder schlecht zu behandeln?
PROF. MICKISCH: Nierenkrebs gilt als besonders heterogen. Es gibt verschiedene Gewebetypen des Nierenkrebses und auch Mischformen. Als verhältnismäßig gut zu behandeln gilt das hellzellige Karzinom, als besonders schwierig zu behandeln gelten sakomatoide Formen. Die Wahl der medikamentösen Behandlung richtet sich auch nach diesen verschiedenen Gewebetypen, wobei das hellzellige Karzinom, das so genannte klassische Nierenkarzinom, am häufigsten auftritt und am besten untersucht ist.
PROF. MICKISCH: Das Nierenzellkarzinom ist eine Tumorerkrankung, bei der sich speziell in den letzten Jahren sehr viel Neues getan hat. Die Therapieergebnisse haben sich insgesamt deutlich verbessert und es sind auch in den nächsten Jahren weitere Verbesserungen zu erwarten. Ich danke Ihnen für die vielen interessanten Fragen und die rege Teilnahme an dieser Sprechstunde. Allen Teilnehmern wünsche ich nun noch einen angenehmen Abend.
Ende der Sprechstunde.
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